Erstschmuck:
Am Anfang wird gewöhnlich ein Ring oder ein Stecker eingesetzt. Wenn es sich um einen Stecker handelt, ist dieser meist ca. 2mm zu lang, da es in den ersten Tagen nach dem Piercen zu einer Schwellung kommt. Bei Ringen wird man auch keinen eng sitzenden Erstschmuck einsetzen. Gebogene Barbells (Horseshoes) sind nicht ganz so gut als Erstschmuck geeignet, da diese sich relativ stark bewegen und so schneller Keime in den frischen Stichkanal einbringen können. Wenn man allerdings von innen mit einer Mundspülung und von außen mit Desinfektionsmittel das frische Piercing versorgt, könnte man notfalls auch einen circular Barbell als Erstschmuck nehmen. Ein Stecker oder ein Ring wären somit etwas komfortabler und würden wahrscheinlich etwas schneller und unproblematischer abheilen.
Der Erstschmuck wird gewöhnlich so lange getragen, bis der Stichkanal einigermaßen vernarbt ist und man kein Aufreißen des Kanals durch den Wechsel des Schmucks (z.B. durch das Gewinde) erwarten würde. In vielen Fällen ist das Piercing bereits nach 2 Wochen ohne Komplikationen (keine Schwellung, keine Schmerzen), so daß man nach ca. 3-4 Wochen nach dem Stechen einen Wechsel des Schmuck durchführen kann. Kommt es vorher zu Komplikationen, verlängert sich dieser Zeitraum. Mit PTFE Erstschmuck läßt sich die Abheilung manchmal etwas verkürzen.
Zuwachsen des Piercings:
Wenn das Lippenpiercing vollständig verheilt ist, kannst du es auch zum Sport oder für die Arbeit herausnehmen. Dieser Heilprozess dauert jedoch ein paar Monate. Nach 10 Stunden ohne Schmuck könnte sich das Loch auch bei einem gut verheilten Piercing bereits etwas zugezogen haben, so daß man den Schmuck mit ein wenig Kraft durchdrücken muß (leichtes Aufdehnen). Auf Dauer kann dies zu einer Reizung oder auch Verletzung (Entzündungsgefahr) des Stichkanals führen. Ob sich ein Piercing eher schneller oder langsam zusammenzieht, wenn kein Schmuck getragen wird, hängt nicht nur von der Abheilung, sondern auch von individuell unterschiedlichen Körpereaktionen ab.
Wenn du für Sport dein Piercing für 3 Stunden herausnehmen mußt, solltest du den Piercingtermin auf jeden Fall in die Sommerpause legen. Auch nach 5 Wochen Heilung können 3 Stunden ohne Schmuck problematisch sein. Notfalls gilt aber auch hier, dass man den Schmuck dann mit etwas Kraft durchdrücken kann. Dies ist bei einem frischen Piercing aber keine Dauerlösung, da es den Heilprozess verzögern und zu Entzündungen führen kann. Wenn das Piercing erstmal richtig verheilt ist, dann sind die 3 Stunden ohne Schmuck gar kein Problem. Könnte man beim Fußball nicht einen flexiblen Kunststoffretainer tragen?
Gesichtspiercings im Beruf:
Die Piercingnarbe ist bei der Lippe vom Weiten nicht zu sehen. Durch die leichte Krümmung der Unterlippe ist ein Stichkanal, der relativ nah am roten Bereich der Lippe liegt, von einer gleich großen Person relativ schlecht zu sehen. Man kann auch einen besonders dünnen Schmuck verwenden, bei dem der Stichkanal auch dünner und somit sehr schlecht zu sehen ist. Hierbei ist allerdings das Problem, dass ein 1,2mm circular Barbell (Horseshoe) recht ungewohnt aussieht. Üblich ist 1,6mm.
Man kann sich Piercingnarben übrigens auch vom Hautarzt mit einem Rundskalpell entfernen lassen. Das Loch ist dann weg, aber man wird sehr wahrscheinlich weiterhin eine kleine Narbe an der Stelle haben.
Wie auf Piercings und Piercingnarben im Beruf reagiert wird kann man leider nicht pauschal sagen. Dies hängt von sehr vielen Faktoren ab.
Hier ein paar Tendenzen, die ich beobachtet habe (persönliche Meinung):
Bei Frauen werden Piercings eher akzeptiert als bei Männern.
In Großstädten sind Piercings öfter zu sehen als auf dem Land.
In einigen Branchen ist man wesentlich piercingfreundlicher als in anderen Branchen.
In den meisten Fällen hängt es eigentlich nur vom Chef ab, ob Piercings ok sind oder nicht. Selbst in großen Organisationen kann es da deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Abteilungen geben.
Manche Chefs zeigen sich nach außen sehr tolerant, haben aber hinter vorgehaltener Hand starke Vorurteile gegenüber Menschen mit Piercings. Dies kann die Karriere ausbremsen.
Insgesamt glaube ich einen kontinuierlichen leichten Anstieg der Akzeptanz gegenüber Piercings beobachten zu können. Piercingnarben werden immer alltäglicher und sollten in einigen Jahren kaum noch Probleme machen.
Im öffentlichen Dienst ist das Tragen von Schmuck eventuell durch Dienstvorschriften geregelt (z.B. Bundeswehr). Dies hat den Vorteil, dass ein Piercing ohne Schmuck nicht gegen die Regeln verstoßen kann. Ich habe selbst lange Zeit im öffentlichen Dienst gearbeitet und habe nur sehr selten Vorgesetze getroffen, die starke Vorbehalte gegen Menschen mit Piercingnarben haben. Allerdings hat man im öffentlichen Dienst das Problem, dass man relativ schlecht den Dienstposten wechseln kann, wenn man merkt, dass man einen der wenigen Chefs mit starken Vorurteilen hat.
Da ich selbst eine akademische Hochschulausbildung habe, verzichtete ich bisher auf gut sichtbare Piercings, um mir meine Berufs- und Karrierechancen nicht zu verbauen. Hierzu muß man allerdings sagen, dass ich Mitte 30 bin und in meiner Altersgruppe Piercings deutlich seltener sind als bei jemandem der erst Anfang 20 ist.
Auch wenn es keine pauschale Antwort auf die Frage nach der Wirkung von Piercings auf die Berufschancen gibt, hoffe ich dass dir diese Eindrücke und Infos weiterhelfen können.